Geschichte des Hauses

Die Geschichte der Priesterausbildung in Fulda beginnt im 8. Jahrhundert. Im Jahr 744 hatte Sturmius, der erste Abt des Klosters, im Auftrag des heiligen Bonifatius das Kloster Fulda gegründet. Bald darauf machte sich Sturmius auf, um in Italien die dortige Lebensweise der Mönche kennenzulernen. Vor allem in Montecasino, dem Mutterkloster des Benediktinerordens studierte er das klösterliche Leben. Nach seiner Rückkehr im Jahr 748 gründete Sturmius mit seinen neuen Erfahrungen eine Klosterschule, die erste Priesterausbildungsstätte in Fulda. Der Aufstieg der Karolinger erfasste auch das Kloster Fulda, das ein Zentrum der karolingischen Bildungsreform wurde. Unter Abt Hrabanus Maurus (822-842) erreichte die Blüte der Schule Fuldas ihren überragenden Höhepunkt.

 

Innere Kämpfe zwischen Abt und Stiftskapitel sowie den im Stift ansässigen Rittern ließen im Hoch- und Spätmittelalter diesen Glanz ermatten bis hin zur Reformation, in der das Stift Fulda in weiten Teilen der neuen Lehre folgte. Gleichzeitig war die Priesterausbildung auf einem Tiefpunkt angelangt. Die Priester wurden schlecht, und - wenn überhaupt - an anderen Orten ausgebildet.

 

Dies sollte sich ändern als im Zuge der von Fürstabt Balthasar von Dernbach (1570-1576,1602-1606) eingeleiteten Katholischen Reform die Jesuiten nach Fulda kamen. Sie waren es, die ab 1571 die Reformen des Konzil von Trient in Fulda umzusetzen versuchten. Dazu bedienten sie sich vor allem dem von ihnen im Jahr 1572 gemäß der Intention des Konzils gegründeten Priesterseminars. Neben der Berufung eines eigenen Generalvikars im Jahr 1574 war dies ebenso Ausdruck der durch den Fuldaer Abt in seinem Territorium beanspruchten quasi-bischöflichen Stellung.

 

Dieses erste Seminar war für 24 Alumnen eingerichtet und gewährleistete zusammen mit dem Konvent der bürgerlichen Benediktiner die Betreuung der etwa 50 Pfarreien des Stifts. Darüber hinaus gründete Papst Gregor XIII. (1572-1585) im Jahr 1584 in Fulda ein Päpstliches Seminar, das vierte auf deutschem Boden. Dieses diente vor allem der Ausbildung von jungen Adligen aus dem protestantischen Territorien Norddeutschlands. Daneben blieb das 1572 gegründete und aus der fürstlichen Kasse dotierte Seminar, das man gewöhnlich „Alumnathaus“ bezeichnete, bestehen. Nachdem das 1625 errichtete Gebäude dieses „bischöflichen“ Seminars im Jahr 1731 dem Neubau der Universität weichen musste, plante Fürstabt Adolf von Dalberg (1726-1737) dessen Vereinigung mit dem päpstlichen Seminar, was jedoch am Widerstand der Jesuiten scheiterte.

 

Infolgedessen erwarb der Abt unweit der Stadtpfarrkirche ein Haus und brachte die Seminaristen dort zusammen mit den Klerikern des an der Pfarrkirche bestehenden Kollegiatsstiftes unter. Die Leitung dieses sogenannten Kollegiatshauses übertrug er dem jeweiligen Stadtpfarrer, dem seit 1736 ein Subregens zur Seite stand. Am 4. Juni 1736 stellte der Fürstabt das Kollegiatshaus durch eine reichere Dotation auf eine neue wirtschaftliche Grundlage. Aus diesem Grund erscheint dieses Datum des öfteren irrtümlich als Gründungstag des bischöflichen Seminars, das im übrigen diesen Namen erst seit der Erhebung der Fürstabtei zum Bistum im Jahr 1752 rechtmäßig tragen konnte.

 

Eine besondere Aufwertung Fuldas als Priesterausbildungsstätte war die im Jahr 1734 von Fürstabt Dalberg gegründete Universität, die den Seminaristen hervorragende Studienmöglichkeiten bot. Die Lehrstühle wurden sowohl von Jesuiten als auch von Benediktinern besetzt. Nach der Aufhebung des Jesuitenordens im Jahre 1773 übertrug Fürstbischof Heinrich von Bibra (1759-1788) auch die Leitung des Päpstlichen Seminars Weltgeistlichen. Wenig später, im 1782 überließ Papst Pius VI. (1775-1799) das Päpstliche Seminar dem Bischof, welcher daraufhin das eigene Seminar im Kollegiatshaus mit diesem zusammenschloss.

 

Die Säkularisation brachte das Ende der über tausendjährigen Reichsabtei und damit einen mächtige Zäsur in der Geschichte Fuldas. Am 23. Dezember 1802 verfügte Prinz Wilhelm Friedrich von Oranien, dem das Hochstift im Wiener Kongress zugefallen war, den Umzug des Priesterseminars in den Konventsbau des aufgehobenen Benediktinerklosters. Der unfreiwillige Umzug erfolgte dann am 14. Februar 1803. Zwei Jahre später fiel auch die Universität dem säkularen Pragmatismus des neuen protestantischen Herrschers zum Opfer. Der Oranier suspendierte die Universität und ließ nur die Theologische Fakultät bestehen, die zusammen mit dem Priesterseminar im ehemaligen Konventgebäude untergebracht wurde. Das bisher mit dem Seminar verbundene Knabenkonvikt, das nur noch aus drei Knaben bestand, wurde ebenfalls für überflüssig erklärt und geschlossen. Auch wenn das Priesterseminar in den Wirren dieser Jahre nur noch acht Alumnen beherbergte, ist es doch eine der wenigen geistlichen Institutionen des alten Hochstifts, die die Säkularistation überdauerten.

 

Mit einem Mal hatte Fulda im allgemeinen und das Priesterseminar im besonderen, seine überregionale Bedeutung als Priesterausbildungsstätte verloren. Es brach eine schwierige Zeit für die Kirche von Fulda an, zumal man nach dem Tod des letzten Fuldaer Fürstbischofs Adalbert von Harstall im Jahr 1814 aufgrund der politischen Situation ohne Oberhirten auskommen musste. Erst mit der Neuumschreibung des Bistums im Jahr 1821 normalisierten sich die Verhältnisse wieder, obwohl es mit der Ernennung des neuen Bischofs noch bis in das Jahr 1829 dauerte.

 

Nach verschieden Zwischenherrschaften kam der Hauptbestandteil des ehemaligen Fürstbistums, und mit jenem die Stadt Fulda, an Kurhessen. Von Seiten der neuen Kasseler Regierung versuchte man massiv Einfluss auf die Priesterausbildung zu nehmen, bis hin zu dem Versuch die Ausbildung von Fulda an die Landesuniversität in Marburg zu verlegen. Ein erster Vorstoß in dieser Richtung erfolgte bereits unter der kurzen Regentschaft des Fürstprimas Karl Theodor von Dalberg in Fulda (1810-1813), dem aufgrund der politischen Entwicklung jedoch kein Erfolg beschieden war.

 

Die kritische Gesinnung der kurhessischen Regierung bekam auch der erste neue Bischof Johann Adam Rieger (1829-31) bald zu spüren. Auch der Kurfürst von Hessen-Kassel verlangte, die Priesterausbildung an die Landesuniversität zu verlegen. Es kam sogar zur Gründung einer katholisch-theologischen Fakultät an der Universität Marburg, doch aus Fulda schickte man weder Studenten noch Professoren.

 

Bischof Rieger gab dem Priesterseminar neue Statuten, die durch Bischof Johann Leonhard Pfaff (1832-1848) erneuert wurden. In dieser Zeit war der erste Regens des „Neuen Priesterseminars“ Heinrich Komp (1803-1846); eine für den Bestand der Einrichtung wichtige Persönlichkeit. In 43 Regentenjahren prägte er zwei Priestergenerationen mit seiner gemäßigt aufklärerischen, zugleich frommen und kirchlichen Überzeugung.

 

Um den geistlichen Charakter des Hauses zur stärken, berief Bischof Christoph Florentinus Kött (1848-1873) Vinzentinerinnen des Fuldaer Mutterhauses an das Bischöfliche Seminar. Kött gründetet auch das Knabenseminar neu, das nun mit dem Priesterseminar zusammen im ehemaligen Konventgebäude untergebracht wurde. Die zukünftigen Kleriker waren somit vom 12. Lebensjahr bis zur Weihe in deinem Haus untergebracht.´

 

Härter als vom Reichsdeputionshauptschluss sollte das Priesterseminar vom Kulturkampf getroffen werden. Die in den „Mai-Gesetzen“ des Jahres 1873 beschlossene massive staatliche Einflussnahme auf den Seminarbetrieb stieß auf den Widerstand Bischof Kötts sowie der Professoren. Kurz nach seiner Verhaftung wegen Verstoßes gegen die neuen Gesetze starb der Bischof. Jahrelang blieb der bischöfliches Stuhl unbesetzt. Die Auseinandersetzungen führten schließlich auch zur Aufhebung von Kaben- (1873) und Priesterseminar (Dezember 1874). Die wenigen verbliebenen Studenten siedelten nach Würzburg über, wo sie – nach einem kurzen Aufenthalt bei den schwarzen Franziskanern – ein Privathaus bezogen. Dieses sogenannte „Fuldaneum“ brachte insgesamt 41 Priester für das Bistum hervor. Die Leitung übernahm Professor Konstantin Gutberlet, eine überragende Professorengestalt der Zeit. Das alte Seminargebäude in Fulda stand leer bis es im Jahre 1877 an Familien vermietet wurde. Da auch in anderen preußischen Diözesen die Seminare geschlossen wurden, baten viele andere Seminaristen um Aufnahme in das Fuldaneum, das einen ausgezeichneten Ruf genoss und sogar Studenten aus der Schweiz und den USA beherbergte.

 

Nach der „konservativen Wende“ in Bismarcks Politik erhielt das Bistum im Jahr 1881 mit dem Hildesheimer Generalvikar Georg Kopp einen profilierten neuen Bischof. Zum Wintersemester 1886 konnte der Lehrbetrieb in Fulda wieder aufgenommen werden. Das Seminargebäude wurde komplett renoviert. Zu den fuldaer Studenten kamen nun auch die Seminaristen der Bistümer Limburg und Hildesheim, mit dem Jahr 1889 auch die aus Osnabrück und schließlich im Jahr 1892 auch die Kleriker des Franziskanerklosters Frauenberg. Die Zahl der Seminaristen wuchs von 28 bei der Wiedereröffnung bis hin zu 104 Studenten im Jahr 1904. Eine große Wohltäterin des Seminars in dieser Zeit war die zum katholischen Bekenntnis konvertierte Hessische Landgräfin Anna von Preußen (1826-1918).

 

Im ersten Weltkrieg konnte der Seminarbetrieb aufrecht erhalten werden, wenngleich sich die Zahl der Studenten erheblich reduzierte. Regens Christian Schreiber versorgte aber auch die Seminaristen an der Front mit ausreichend Literatur. Regelmäßig wurde eine eigene Seminarzeitung verschickt. Mit der Gründung der Hochschule St. Georgen in Frankfurt am Main im Jahr 1926 wurden die Limburger Studenten dort ausgebildet. Doch nachdem Regens Schreiber Bischof des neuerrichteten Bistums Meißen geworden war, schickte er mit dem Jahr 1922 seine Seminaristen nach Fulda, ebenso ab 1930 als Bischof von Berlin. Mit den Alumnen der Freien Prälatur Schneidemühl studierten weitere Theologiestudenten in Fulda.

 

In der Zeit der Nationalsozialisten Herrschaft und des Zweiten Weltkriegs galt es nochmals schwierige Jahre zu überstehen. Nach der Schließung ihrer eigenen Ausbildungsstätten schickten die Bistümer Freiburg, Rottenburg, Mainz, Würzburg und Breslau, sowie die Franziskaner vom Fuldaer Frauenberg (seit 1913 an eigener Hochschule), die Hünfelder Oblaten und die Limburger Pallotiner ihre Seminaristen nach Fulda. Der junge Regens und spätere Fuldaer Bischof Eduard Schick (1906-2000), hatte im Studienjahr 1939/40 die Höchstzahl von 349 Seminaristen zu beherbergen. Später kamen noch Seminaristen aus Kattowitz dazu. Die Aufhebung der Personalunion des Rektors der Philosophisch-Theologischen Lehranstalt und des Regens des Priesterseminars im Jahr 1939 eröffnete Bischof Johannes Dietz (Bf. von 1939-1958) den Weg der Trennung beider Anstalten. Mit dem Ausbruch des Krieges wurden viele der Seminaristen zum Kriegsdienst eingezogen. Bald hatte die Hälfte des Seminargebäudes als Lazarett zu dienen. Bei Fliegerangriffen wurde das Seminar, insbesondere das historische Refektorium, stark in Mitleidenschaft gezogen. In den Nachkriegsjahren konnten die Schäden zügig beseitigt werden. Die tiefste Wunde, die der Krieg dem Bistum Fulda beibrachte, war allerdings dessen Teilung durch den Eisernen Vorhang. Seit dem Jahr 1953 waltete in Erfurt ein eigener Weihbischof und Generalvikar des Bischofs von Fulda, schon ein Jahr zuvor war in Erfurt ein eigenes Priesterseminar für die Bistümer des DDR errichtet worden, da die Studenten nicht mehr nach Fulda kommen konnten. Im Jahr 1965 errichtete Bischof Adolf Bolte (1959-1974) die Philosophisch-Theologischen Hochschule und löste die Rektoratverfassung von 1939 ab. Das Zweite Vatikanische Konzil führte zu einer Neuausrichtung der Priesterausbildung. Die deutschen Bischöfe erarbeiteten neue Leitlinien für die Priesterausbildung. In den folgenden Jahren ließen die Unsicherheit über die Rolle des Priesters, die Akzeptanz des Priesterzölibates und die Krise der kirchlichen Autorität die Studentenzahlen auf ein extrem niedriges Niveau absinken. Hinzu kam, dass die auch die Hilderheimer Studenten nicht mehr nach Fulda kamen. Nachdem 1975 der ehemalige Regens des Fuldaer Priesterseminars und Rektor der Hochschule Prof. Eduard Schick zum Bischof von Fulda (1975-1982) ernannt wurde, sah er in der Sorge für das Seminar und die Hochschule eine der wichtigsten Aufgaben. Frucht seiner Bemühungen war eine wachsende Zahl von Alumnen sowie die Erhebung der Hochschule zur Theologischen Fakultät mit dem Recht der Verleihung akademischer Grade im Jahr 1978. Sein Nachfolger Erzbischof Johannes Dyba (1983-2000) führte dieses Anliegen fort und pflegte einen engen Kontakt zur Seminargemeinschaft. In seiner Amtszeit wurde die Teilung des Bistums Fulda durch die Errichtung des Bistums Erfurt im Jahr 1994 beendet.